Angedacht

Tagesthema

Von Unkraut und Weizen

Frühling wird es. So richtig können wir es noch gar nicht glauben. Aber es war schon verdammt warm. Die Tage sind länger hell. Überall sprießt es. ...

An(ge)dacht

Liebe Leserinnen und Leser, 
viele von Ihnen und Euch kennen das Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Zu Beginn der Corona-Zeit haben wir es hier auf dem Kirchengelände immer um 19 Uhr gesungen; so wie es die EKD (Ev. Kirche Deutschland) angeregt hatte. In diesem Lied gibt es die Zeile: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.“ 
An diese Zeile muss ich oft denken, wenn ich jetzt einkaufen gehe, eine Arztpraxis aufsuche oder auch jetzt in den wieder zugelassenen Gottesdiensten agiere... Überall sehe ich nur „halbe Gesichter“ aufgrund der Pflicht, dort eine Mund-Nase-Schutzmaske* zu tragen. Die Augenpartie, Stirn und Haare - wenn diese nicht auch noch hinter getönten Brillengläsern, einem Pony oder unter einer Mütze oder Kapuze verborgen sind - bleiben soz. übrig, um mein Gegenüber zu erkennen. Die Gesichtsregung, die sonst eher durch die Mundpartie zu deuten ist, bleibt weitgehend verborgen. Schauen die Augen freundlich, wohlwollend oder prüfend, ablehnend...? So leicht und eindeutig zu erkennen ist das nicht mehr. Und auch ich selbst könnte mir das natürlich automatische Lächeln bei einer Begrüßung eigentlich sparen – sieht ja doch niemand. Vielleicht geht das Ihnen und Euch ja ähnlich. Bei Begegnungen mit Mund-Nase-Schutzmaske fehlt einfach ein wichtiger Teil unseres Kontaktverhaltens. „...und ist doch rund und schön.“ Ja, im Geist vervollständige ich das halbe Gesicht, wenn ich auf Menschen treffe, die mir bekannt sind; bei den Anderen bleibt das nur Spekulation... 
Diese halben Gesichter sind wie ein Symbol für diese Zeit, in der sich vieles einfach nicht ganz, nicht rund und nicht schön anfühlt. Der zwischenmenschliche Kontakt, über den wir uns vor Corona vermutlich alle gar nicht so viele Gedanken gemacht haben, weil er ja so selbstverständlich war, bleibt ein ganzes Stück auf der Strecke. Telefonate, E-mails, Kurznachrichten, Briefe, Videokonferenzen u.a. sind letztlich nur Versuche, miteinander im Kontakt zu bleiben. Sie können aber das leibhaftige Gegenüber nicht ersetzen.
„...und ist doch rund und schön.“ Sich diese kurze Liedzeile von Matthias Claudius immer wieder ins Bewusstsein zu bringen, kann in dieser Corona-Zeit hilfreich sein. Auch wenn wir momentan in vielem ausgebremst sind, haben wir ja aber doch das Wissen darum, wie es sein könnte und wie es hoffentlich in unbestimmter Zeit wieder werden wird. Vermutlich werden wir dann sogar unser Zusammensein deutlich höher wertschätzen als vorher, eben ganz, rund und schön!

Diakonin Susanne Kretzschmar 
 * inzwischen kann die Maske im Gottesdienst am Platz abgenommen werden!